Karin Spori

Foodwaste: Hier lauern die Stolperfallen

Auch wenn das Thema «Foodwaste» viel diskutiert wird, landen nach wie vor viel zu viele Lebensmittel im Abfall. Weshalb ist das so? Wir haben bei Karin Spori, Geschäftsführerin von foodwaste.ch, nachgefragt.

Karin Spori, jedes dritte Lebensmittel wird noch immer verschwendet. Im Gegenzug möchte man mit diversen Projekten und Aktionen dazu beitragen, dass Foodwaste zurückgedrängt wird. Wie sehen Sie das – sind wir auf dem richtigen Weg?

 

Das Thema Foodwaste ist in der breiten Öffentlichkeit und auch in der Bundespolitik angekommen. Momentan befindet sich der «Aktionsplan gegen die Lebensmittelverschwendung» in der Vernehmlassung. Das ist die gute Nachricht. Das Ziel, bis 2030 den Foodwaste in der Schweiz zu halbieren, ist aber faktisch bereits «übermorgen» fällig. Um dieses Ziel wirklich erreichen zu können, muss auf allen Ebenen noch viel mehr – und dies vor allem viel rascher – passieren.

 

Wo liegen denn die meisten «Stolperfallen», dass wir das Problem nicht in den Griff bekommen? Sind das die Grossverteiler, die liegengebliebene Ware wegwerfen, der Konsument, der zu viel einkauft oder die Vorgaben für das vieldiskutierte Mindesthaltbarkeitsdatum?

 

Die Stolpersteine pflastern den Weg vom Acker bis auf den Teller – das macht das Thema so komplex. Häufig ist es dann eine Huhn-oder-Ei-Frage: Wollen die Konsumenten wirklich nur gerade Rüebli kaufen, wie dies der Detailhandel jeweils zitiert? Oder kaufen sie nur die geraden, weil sie die krummen gar nie zu Gesicht bekommen und sich dementsprechend dem Gewohnten zuwenden? Foodwaste ist ein systemisches Problem. Darum muss auf allen Ebenen etwas getan werden: Die Politik muss strengere gesetzliche Rahmenbedingungen schaffen. Die Wirtschaft muss ein echtes Interesse zeigen, das Problem bei der Wurzel packen zu wollen. Und wir Konsumenten müssen eigenverantwortlich Foodwaste reduzieren, wo es nur geht: sei es in der eigenen Küche oder im Restaurant. Nur dann wird sich nachhaltig etwas ändern.

OFFA - Karin Spori
Karin Spori: «Am besten führt man zwei Wochen ein ‘ehrliches’ Foodwaste-Tagebuch.»

Was kann im Endeffekt jeder Einzelne von uns im Alltag tun, damit es zu weniger Foodwaste kommt?

 

Zuerst sollte man die eigenen Foodwaste-Stolpersteine analysieren. Diese sind bei jeder Person anders. Am besten führt man zwei Wochen ein «ehrliches» Foodwaste-Tagebuch – man muss es ja niemandem zeigen! – und überlegt sich dabei nicht nur, warum man ein entsprechendes Lebensmittel weggeworfen hat, sondern warum: Hat man beispielsweise zu viel aufs Mal eingekauft? Könnte man zukünftig kleinere Packungen in den Einkaufskorb legen? Clever einkaufen heisst also die Devise. Aber nicht nur: Auf der Website von foodwaste.ch finden sich neben Einkaufstipps auch Ratschläge, wie man optimal lagert, perfekt portionieret, Resten kreativ verwertet – und diese zusammen geniesset. Wer Essen Zeit und Aufmerksamkeit schenkt, wirft automatisch weniger weg.

 

Wo müssen also die Hebel angesetzt werden, damit wir die Probleme in den Griff bekommen?

 

Das ist in jeder Branche und bei allen Akteuren etwas anders. Generell macht es aber den Anschein, als möchte man das Problem lösen, ohne etwas am System ändern zu wollen. Das wird aber nicht gelingen. Solange – um beim Beispiel krumme Rüebli zu bleiben – die optischen Qualitätsanforderungen zu hoch bleiben, landet ein viel zu grosser Teil an Schweizer Produkten in der Biogasanlage, weil man auf schöne Importware ausweicht. Es ist ein klassisches Gefangenendilemma, das es zu durchbrechen gilt: Jemand muss also mutig den ersten Schritt machen und auch einen zweiten. Dann werden immer mehr nachziehen.

OFFA - Karin Spori

Das Interview führte Manuela Bruhin, Redaktorin von «Die Ostschweiz».