Claudio Del Principe

Zeit als wichtige Zutat

Gerade während des ersten Lockdowns wimmelte es in den Sozialen Medien von Bananenbroten und selbst gekochten Gerichten. Claudio Del Principe ist bereits Koch aus Leidenschaft, seitdem er noch nicht einmal ohne Stuhl auf den Herd blicken konnte.

Kochen ist für Sie eine Leidenschaft. War das schon immer so oder kam es erst im Laufe der Zeit?

 

Als Italiener wird einem das Gen fürs Kochen quasi in die Wiege gelegt. Meine Ma stellte mir einen Topf auf den Herd, da war ich vier.

 

In der heutigen Zeit, in der alles schnell gehen muss, verzichten viele aufs Kochen. Durch die Corona-Krise wurde das anders – es wimmelte von Bananenbrot und selbstgekochten Speisen.

 

Im ersten Lockdown hatte ich tatsächlich einen Fulltime-Job mit Beantworten aller Anfragen auf den diversen Kanälen und Social Media Profilen. Alle wollten einen eigenen Sauerteig ziehen und Brot backen. Oder endlich mal selber Pasta herstellen. Auch Kochbücher erleben einen regelrechten Boom. Fragen Sie mal eine Buchhändlerin, so viele Kochbücher wie jetzt wurden noch nie verkauft.

 

Sie bieten Kurse und Workshops an. Welche Auswirkungen spüren Sie direkt durch das veränderte Verhalten?

 

Die Menschen besinnen sich wieder auf wahre Werte. Selber machen ist im Trend. Die Leute wollen wissen, was im Essen drin ist, selber die Zutaten und die Qualität bestimmen. Es geht um sorgfältiges Handwerk, Sinnlichkeit und Achtsamkeit. Gut kochen können, macht nicht nur satt, sondern befriedigt auch die Seele. Wir sind stolz darauf, selber etwas Gutes zubereitet zu haben und es gibt uns in dieser unsicheren Zeit das Gefühl, wenigstens etwas in unserem Alltag kontrollieren zu können.

 

Unter anderem sind Sie bekannt für den perfekten Pastateig. Was macht für Sie ein gutes Gericht aus? Sie sagen, die wichtigste Zutat ist Zeit.

 

Ein gutes Gericht besteht für mich aus wenigen, ausgesuchten Zutaten. Ich denke oft, was kann ich alles weglassen, um es noch besser zu machen? Ich kann in 15 Minuten eine einfache Pasta aus Wasser und Mehl formen und nur in Butter und Salbei schwenken. Oder ich kann Pasta aus Eierteig herstellen, diese aufwändig füllen und falten und dann mit einer Sauce servieren, die sechs Stunden auf den Herd stand. Es geht mir darum, Zeit als wichtige Zutat zu begreifen. Man muss nicht stundenlang in der Küche stehen, um gut essen zu können. Mir geht es darum, die grösstmögliche Freude an einem Gericht zu haben oder den intensivsten Geschmack zu geniessen. Manchmal ist es das eigenes Sauerteigbrot mit einem perfekt gereiften Rohmilchkäse. Genügsamkeit macht mich ebenso glücklich, wie elaborierte Gerichte.

 

Auch, wenn wir es uns derzeit nicht so recht vorstellen können, wird es eine Zeit nach Corona geben. Was denken Sie, wird sich die Einstellung zum Essen und Kochen längerfristig durchsetzen oder verfallen die Menschen wieder ins alte Muster?

 

Wenn es etwas gibt, das ich dieser Pandemie abgewinnen möchte, dann ist es, dass möglichst viele erkennen, dass wir nicht weitermachen sollten wie bisher. Es tut uns, den Tieren und der Umwelt nicht gut, wenn wir weiterhin billig und sorglos konsumieren. Ich plädiere dafür, wieder so zu kochen, wie unsere Grossmütter. Die kannten kein Food Waste. Sie kauften vorwiegend regional ein, verwendeten saisonale Zutaten und assen wenig Fleisch. Wenn wir das alle beherzigen würden, wären die meisten Probleme in Bezug auf nachhaltige Lebensmittelproduktion und sinnvolle Ernährung gelöst.

 

Was ist Ihr Lieblingsgericht? Hätten Sie da einen Geheimtipp?

 

Unbedingt selber Pasta machen und mit saisonalem Bio-Gemüse kombinieren – zum Beispiel Orecchiette mit Mangold. Und natürlich einen eigenen Sauerteig ziehen. Nichts schmeckt überwältigender als eine Scheibe selbst gebackenes Brot.

 

REZEPT

Orecchiette mit Mangold

Zutaten:

  • 500 g Orecchiette

  • 800 g Mangold

  • 4 EL passierte Tomaten

  • 1 Peperoncino, entkernt, fein geschnitten

  • 1 Knoblauchzehe, fein geschnitten

  • Olivenöl extra vergine

  • feines Meersalz, schwarzer Pfeffer aus der Mühle

  • 4 EL Paniermehl

  • Pecorino nach Belieben

Zubereitung:

1. Blätter abbrausen und grob zerteilen, Rippen klein schneiden.

2. In einer Schwenkpfanne 6 EL Olivenöl erhitzen und mit Knoblauch und Peperoncino aromatisieren.

3. Mangold dazugeben und anschwitzen, bis die Blätter zusammenfallen.

4. Passierte Tomaten dazugeben, alles mit Wasser bedecken, salzen, pfeffern.

5. Zugedeckt weich schmoren (rund 15 Minuten).

6. Paniermehl in wenig Olivenöl goldig rösten.

7. Orecchiette in siedendem Salzwasser kochen, abgiessen und mit dem Mangold vermengen.

8. Auf Teller verteilen und wahlweise mit geröstetem Paniermehl oder Pecorino bestreuen.

 

OFFA - Claudio Del Principe

Das Interview führte Manuela Bruhin, Redaktorin von «Die Ostschweiz».