«böörds» | «Tütenhüter»

Zwei Vögel im «Flow»

Mit ihrem Tütenverschlusssystem sind Sandra Gschwend und Christian Diethelm als «Böörds» erfolgreich unterwegs. Daran konnte auch die Corona-Krise nichts ändern. Wie sie es geschafft haben, zwei relevante Geschäftszweige aufzubauen, erklären die Ostschweizer im Interview.

Eure Firmengeschichte liest sich sehr unkompliziert. Als Fremde habt ihr eine Thailand-Reise in Angriff genommen und dort eure gemeinsame Zukunft beschlossen. Auch, wie ihr alles an die Hand genommen und den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt habt, ist aussergewöhnlich. Seid ihr nun, wo die Anfangszeit vorüber ist, immer noch so spontan?

 

Ja, im Grundsatz schon. Den Bus, den wir für unsere Messeauftritte angeschafft hatten, wurde nun fix zu unserem mini Wohnmobil umgenutzt. Wir erkunden also regelmässig spontan die Schweiz. Natürlich bindet uns unser Startup in gewissen Situationen etwas mehr. Aber wir nehmen dann eben den Laptop mit in den Urlaub. Dies stört uns überhaupt nicht, wir sind noch genau so mit Herzblut mit dabei, dass es auch nicht schlimm ist, wenn wir noch die eine oder andere Mail beantworten.

 

Wenn ihr zurückblickt, würdet ihr alles immer noch genau so unbeschwert an die Hand nehmen?

 

Ja, auf jeden Fall. Unserer Leichtigkeit hat wesentlich zu unserem Erfolg beigetragen und unserer Kreativität gefördert. Speziell in der Krise kam uns das zugute. Wir haben schnell und agil auf die Situation reagieren können, zwei sehr relevante Verkaufszweige aufgebaut und unser Budget 2020 trotz Corona erreicht. Darauf sind wir besonders stolz. Wir vertrauen auf unsere Stärken und haben unserer Firma seriös und mit viel Leidenschaft aufgebaut. Wir treffen mit unserer Überzeugung, den Tütenhüter in der Schweiz zu produzieren, der Tatsache, dass der Tütenhüter Food Waste vermeidet und mit unserem Design den Zeitgeist – es gibt wenig Grund, nervös zu werden.

 

Dennoch ist natürlich nicht immer nur alles eitel Sonnenschein, wenn man ein Unternehmen hat. Worin bestanden die grössten Herausforderungen, die ihr meistern musstet?

 

Wir hatten für 2020 zwölf Messe- und Märkteauftritte geplant. Der Direktverkauf ist für uns sehr wesentlich. Hier neue Absatzkanäle zu finden, war nicht ganz einfach. Aber auch diese Hürde haben wir genommen und erfolgreich umgesetzt. Weiter hatten wir kurz vor der Corona-Krise eine für uns grosse Investition freigegeben. Zum Glück gab es keine Liquiditätsengpässe. Auf der persönlichen Ebene kam noch eine geplante OP bei Sandra dazu. In der Selbständigkeit ist ein krankheitsbedingter Ausfall nie der richtige Zeitpunkt. Die OP war aber unumgänglich und der zehntägige Spitalaufenthalt sowie die anschliessenden sechs Wochen Genesung kein Spaziergang. Aber auch diese Wochen haben wir gut überstanden.

 

Viele kennen euch und eure Tütenhüter von «Die Höhle der Löwen». Wie ist es seither weitergegangen?

 

Dass die Zeitschrift Schweizer Familie anschliessend in einem dreiseitigen Bericht über uns geschrieben hat, hat uns riesig gefreut. Noch heute werden wir oft auf diesen Bericht angesprochen. Wir sind mit einigen Startups aus der Sendung bis heute in Kontakt, was immer wieder sehr wertvoll ist. Dass wir Roland Brack durch die Sendung kennenlernen durften, war ein Geschenk. Wir haben uns im Anschluss an die Sendung toll mit ihm unterhalten und auch Monate später noch einmal telefoniert. Dass wir den Tütenhüter so unkompliziert auf brack.ch platzieren konnten, haben wir der Sendung zu verdanken.

 

Ihr seid auch privat ein Paar. Es dürfte nicht immer einfach sein, privat und beruflich auf einem Nenner zu sein. Wie gestaltet sich eure Zusammenarbeit?

 

Wir sind uns oft beängstigend einig, was geschäftliche Fragen anbelangt. Weiter haben wir klar unserer Aufgabenbereiche. Christian übernimmt die Beschaffung, einen Teil der Buchhaltung, Sandra die Kommunikation, die Mitarbeiterführung, den Vertrieb. Gemeinsam werden Produkte und Marketing-Aktivitäten entwickelt. Viele unserer Händler sind bei Neulancierungen auch mit im Boot, so haben wir immer noch Meinungen von aussen. Wir fragen auch ganz gerne unserer Endkunden, was wir noch verbessern oder neu machen können. So gibt es wenig Streitpotential zwischen uns zwei. Wir wussten zum Glück schon, bevor wir die Firma gegründet hatten, dass es im Gespräch um geschäftliche Themen immer um die Sache gehen soll. Negative Emotionen, verletzte Gefühle oder Ähnliches haben in unseren Sitzungen wenig Platz. Es zählt immer das Ziel und die Vision, das beste Tütenverschluss-System auf dem Markt zu sein. Diese ist bei uns beiden identisch, darum geht’s.

 

Und wie schafft ihr es, ein Privatleben aufrechtzuerhalten, damit sich nicht alles immer um die Arbeit dreht?

 

Wenn wir gemeinsam privat unterwegs sind, ist der Tütenhüter ein Teil von uns. Wir besuchen dann auch einmal einen Händler oder schmökern in Läden nach Inspiration. Dies fühlt sich aber jeweils nicht wie Arbeit an. Vielleicht haben wir einfach das Glück, dass wir unseren Traum von der Selbständigkeit leben dürfen.

 

Eure Tütenhüter sind mittlerweile auch im Ausland zu finden. Ist künftig ein weiterer Ausbau geplant?

 

Ja, mit dem Export sind wir erst mässig zufrieden. Was aber daran liegt, dass wir mehr ein Bedürfnis von Kunden aus dem Ausland gestillt haben und die Verfügbarkeit aufbauten. Wir haben noch gar nicht die Zeit und Ressourcen investiert, um dort richtig Gas zu geben. Das wird sich aber im Jahr 2021 ändern.

 

Die letzten Monate waren für alle eine grosse Herausforderung. Wie hat sich euer Geschäft seit Corona verändert?

 

Den Umsatz, den wir an Messen und Märkten machten, haben wir zu einem grossen Teil in unseren eigenen Online-Shop verlegt. Dies passiert aber nicht einfach so. Das war richtig viel Arbeit: Neues Bild- und Video-Material musste her, es wird viel Geld in die Kommunikation gesteckt und wir versuchen mit neuen Varianten vom Tütenhüter und auch ganz neuen Produkten, am Ball zu bleiben. Corona spielt uns aber auch in die Karten. Aus Überzeugung haben wir schon immer in der Schweiz produziert - wir sind Swiss Label zertifiziert. Unsere Kundschaft schätzt dies sehr und auch die Wiederverkäufer lassen uns spüren, dass gerade Dank Corona das zentraler denn je ist. Bestimmt kommt uns hier unserer Positivität und die Leichtigkeit, die du eingangs des Interviews angesprochen hast, zugute. Wir sehen primär Chancen und versuchen, diese zu nutzen, authentisch und fassbar in unserer Arbeit zu sein. Ehrlich gesagt fanden wir auch sehr schön, dass so viel Menschlichkeit, Verständnis und Partnerschaft durch die Krise in die Wirtschaftswelt gelangt ist.

 

Habt ihr ein Beispiel?

 

Für eine Baufirma durften wir die Weihnachtgeschenke umsetzen: ein Grossauftrag mit Tütenhütern mit ihrem eigenen Firma-Logo. Es war gerade der Frühlings-Lockdown 2020. Da meinte die Inhaberin zu uns: «Wissen Sie was, Frau Gschwend, wir dürfen ja nun auf dem Bau noch arbeiten und Sie als junges Startup dürfen nicht mehr auf Messen und Märkte. Ich überweise Ihnen den Betrag morgen und Sie liefern dann einfach im November die Geschenke an uns aus.» Es zeigt uns, dass Solidarität durchaus stattgefunden hat. So waren wir auch kulant mit kleinen Boutiquen, die uns um einen Zahlungsaufschub gebeten hatten. Aktuell weiss niemand, wie sich die Krise noch verändern wird. Wir machen so oder so das Beste draus – und freuen uns jetzt schon riesig auf die vielen persönlichen und physischen Begegnungen an den kommenden Messen und Märkten.

 

Das Interview führte Manuela Bruhin, Redaktorin von «Die Ostschweiz».