Stiftung Suchthilfe

Trauriger Spitzenplatz der Schweiz – und was St.Gallen dagegen tun will

Just zu Beginn der Corona-Krise übernahm Regine Rust die Leitung der Stiftung Suchthilfe in St.Gallen. Den Zeitpunkt hinterfragen möchte sie jedoch nicht – vielmehr geht es darum, in der Zeit, in der nichts ist, wie es einmal war, die richtigen Weichen zu stellen.

Regine Rust, seit rund einem Jahr leiten Sie die Stiftung Suchthilfe. Sie hatten einen sehr speziellen Einstieg – durch die Corona-Krise ist vieles anders. Hand aufs Herz: Hätten Sie sich einen anderen Zeitpunkt für Ihren Stellenantritt gewünscht?

 

Auch wenn das erste Jahr wirklich völlig anders verlaufen ist, als ich mir je habe vorstellen können - die Frage, ob es einen besseren Zeitpunkt hätte geben können, hat sich mir nie gestellt. Suchtarbeit ist immer dynamisch und die steten Veränderungen sind unser Alltag. Nun waren die Veränderungen grösser und einschneidender als sonst – aber es zeigt sich, dass die Stiftung Suchthilfe damit sehr gut umgehen kann. Wir haben Konzepte erstellt, diese immer wieder angepasst und das mit gutem Erfolg: Bislang hatten wir unter der Klientel noch keine Corona-Erkrankung. Es bereitet mir viel Freude, gemeinsam mit den Mitarbeitenden Lösung zu finden und umzusetzen.

 

Sie haben zuvor bereits in diversen Grossstädten gearbeitet. Welche Situation haben Sie in St.Gallen angetroffen?

 

Hier kennt jeder jeden – und man findet gemeinsam konstruktive Lösungen. Die Wege sind kurz, Pragmatismus wird grossgeschrieben. Der schweizweit angewendete «St.Galler Weg» ist ein Meilenstein in der Suchtarbeit. Das Konzept beruht auf einer ausgewogenen Mischung zwischen Vorbeugung, Schadensminderung, Behandlung und Repression, die nur möglich ist, wenn alle Institutionen zusammenarbeiten. Mir persönlich kommt diese Haltung sehr entgegen. Deswegen fühle ich mich in St.Gallen sehr wohl.

OFFA - Stiftung Suchthilfe
Regine Rust, Leiterin der Stiftung Suchthilfe: «Hier kennt jeder jeden.»

Ein grosses Thema wäre in diesem und letzten Jahr Kokain gewesen. Auch an der OFFA wäre dies thematisiert worden – was wichtig ist, wenn man die Zahlen in St.Gallen kennt.

 

St.Gallen ist in punkto Kokainkonsum schweizweit auf dem ersten Platz. Deswegen liegt uns das Thema und speziell dafür konzipierte Angebote sehr am Herzen. Nicht jede Konsumentin bzw. jeder Konsument hat ein Problem. Aber die Personen, bei denen der Kokainkonsum ausser Kontrolle gerät, haben sehr schnell ein ausgesprochen massives Problem. Wir wollen für das Thema sensibilisieren. Aber auch spezielle Unterstützung ist nötig – wir haben unser Angebot diesbezüglich ausgebaut.

 

Die psychischen Belastungen steigen durch die Corona-Krise ebenfalls an. Wie wirkst sich das auf Ihre Arbeit und das Suchtverhalten aus?

 

Wir spüren deutlich, dass die Menschen gerade in der zweiten Welle belasteter sind. Unsichere Zukunft in beruflicher Hinsicht, teilweise Jobverluste, Einsamkeit, Monotonie, Trauer, wenn Angehörige verstorben sind und auch die Ungewissheit, wann und ob wir wieder zur Normalität zurückkehren werden – all das muss ausgehalten und bewältigt werden. Die Möglichkeiten dazu sind derzeit massiv reduziert. In der Folge liegt der Griff zu einer Substanz, die es ermöglicht, zumindest für einen kurzen Moment etwas anders zu spüren, nah. Menschen konsumieren in der Krise mehr denn je. Und das in jeder Hinsicht: Seien es legale Substanzen wie Alkohol oder Geldspiel oder aber auch illegale Substanzen. Der Lockdown hat das Angebot nicht verringert. Es hat sich gezeigt, dass auch während der Grenzschliessungen die Lieferketten für illegale Substanzen weiter stabil waren.

 

Nicht nur illegale Substanzen sind gefragt. Fernunterricht, Quarantäne, geschlossene Freizeiteinrichtungen: Der Online-Konsum wird dadurch unweigerlich ansteigen. Wie sorgenvoll beobachten Sie die derzeitige Situation?

 

Die Nutzung der digitalen Medien ist nun endgültig und unvermeidbar ein elementarer Teil unseres Alltags geworden. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir die Medien nicht nur als Home-Office oder -Schooling Werkzeug nutzen, sondern auch als Medium zu Zerstreuung und Gefühlsregulation, ist nur ein Klick entfernt. Ob Netflix, Onlinecasino, Shoppingerlebnis oder Online-Gamen – auch unsere Freizeit hat sich in den digitalen Raum verschoben. Neben Gewöhnungseffekten gibt es weitere Risiken, die damit verbunden sind. Die Onlineplattformen sind darauf ausgelegt, ihre Nutzer an sich zu binden. Sie machen sich zu Nutze, dass wir uns von immer neuen Reizen schnell faszinieren lassen und es gleichzeitig gerne bequem haben. Somit besteht eine hohe Gefahr, dass wir das neu erlernte Verhalten nicht so schnell ändern werden, auch wenn die Umstände sich wieder normalisiert haben. Wir rechnen damit, dass die Zahl der Onlineabhängigen stark steigen wird, beziehungsweise bereits stark gestiegen ist.

 

Das wird Sie also auch in Zukunft beschäftigen?

 

Gute Suchtarbeit orientiert sich immer an den aktuellen gesellschaftlichen Themen. Wie bereits aufgeführt, wird unsere Gesellschaft nach der Pandemie verändert haben. Wir bereiten uns bereits jetzt darauf vor, dass wir unser Angebot bei den sogenannten Verhaltenssüchten ausbauen werden. Aber auch andere Themen, wie die Pilotprojekte zum Cannabiskonsum, stehen in den Startlöchern. Gleichzeitig gilt es, das Angebot für die Menschen, die durch die Veränderungen an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, auszubauen und die Reintegration zu stärken. Und natürlich hat die Pandemie auch uns aufgezeigt, wie unsere interne Digitalisierung aufgestellt ist. Um Angebote auch nach der Pandemie mit einem hohen Qualitätsstandard weiter als Ergänzung anbieten zu können, gilt es auch hier, am Puls der Zeit zu bleiben und die interne Digitalisierung weiter voran zu treiben.

 

Das Interview führte Manuela Bruhin, Redaktorin von «Die Ostschweiz».